© fallen star Verlag 2010-2011  Leseprobe: Szene 1 In der Stadt Venedig im Oktober des Jahres 1750 Nebel wand sich um die Gräber, wogte über die kiesbedeckten Wege und umschlang die Statuen der Todesengel. Alessio verspürte ein Kribbeln zwischen den Schulterblät- tern, als ruhten Augen auf ihm, doch er nahm niemanden wahr. Wer sollte hier sein zu solch später Stunde? Verlassener und trostloser als je zuvor erschien ihm der Friedhof. Alessio setzte seinen Weg zwischen den Gräbern fort. Eine Böe riss ihm die Kapuze sei- nes Umhangs vom Kopf. Die Rose für Cassandra hielt er schützend an sich gepresst, während er mit der freien Hand die Kapuze wieder über sein Haar zog. Regen setzte ein, feiner Regen, der sich mit dem Mondlicht zu einem silbernen Schleier verwob. Einige Regentropfen fanden den Weg an Alessios Pestmaske vorbei und ran- nen seine Wangen herab. Sie ließen ihn an Tränen denken, von denen er unzählige für Cassandra vergossen hatte. Cassandra, deren Todestagsich heute zum 175. Mal jährte. Doch war es ihm, als stürbe sie Nacht für Nacht. Hier war er allein mitseiner Trauer und seinen Erinnerungen. Allein? Kies knirschte. Alessio fuhr herum und erblickte Jean-François, den er länger kannte als jeden Menschen.Auf dessen Lippen lag jenes ironische Lächeln, das so typisch für ihn war. Seine mitternachtsblauenAugen gaben keine Seele zu erkennen. Nichts reflek- tierten sie als die Kälte des Weltalls. »Bonsoir«, sagte Jean-François. »Warum schleichst du hier herum?« »Von Herumschleichen kann keine Rede sein. Seit du dein Haus verlassen hast, bin ich dicht hinter dir. Du bist unachtsam geworden, mon ami. In der alten Zeit wäre dir dies nicht passiert.« Jean-François lächelte. »Ich hätte dich umbringen können, wäre dies meine Absicht gewesen.« Betont provokant, wie es Alessio erschien, strich Jean-François sich eine dunkelbraune Locke aus dem Gesicht. Dessen Mantel stand offen und gab den Blick frei auf eine Moiré-Weste  sowie ein Justeaucorps und Kniehosen aus weinrotem Seidensamt. Wie schlicht fand Alessio dagegen seine eigene Kleidung, die ebenso schwarz war wie sein Haar. Doch selbst ohne die Luxusgesetze würde er keine andere tragen. Seine Profession gebot es. »Mich an Cassandras Todestag zu stören finde ich pietätlos«, sagte Alessio. »Der Tag ist mir entfallen. Davon abgesehen macht es keinen Unterschied. Cassandras Geburtstag, ihr Namenstag, der Tag, an dem ihr Lieblingshuhn geschlachtet wurde, weil es ihrem Vater auf die Schuhe schiss. Gedenktage, wohin ich blicke. Stets komme ich ungelegen, also kann es mir ebenso gut gleichgültig sein.« Jean-François lachte leise. »Ich hoffe, du hast einen guten Grund, hier zu sein.« »Einen Grund? Ich brauche keinen Grund. Ich kann mich in Venedig aufhalten, wann ich will. Hier steht kein Schild: Raus mit euch fremden Vampyren, Franzosen und ande- rem Gesindel.« »Als würde dich das aufhalten.« »Non. Davon abgesehen bist du mir noch etwas schuldig.« Alessio starrte ihn an. »Wegen dieser Nichtigkeit kommst du hier auf den Friedhof und belästigst mich am Todestag meiner Geliebten?« Alessio wandte sich brüsk ab und lief durch die Reihen der Gräber. Er war froh, dass der Wind endlich verebbte. »Für mich ist es keine Nichtigkeit«, sagte Jean-François, der ihm zu Cassandras Ruhe- stätte folgte. Die Zeit hatte den Grabstein nachdunkeln lassen, doch die darin eingra- vierte Rose war  unversehrt. Alessio schloss seine Hand fester um den Stiel der opal- weißen Rose. Die Dornen durchstachen seine Haut. Blut lief über seine Finger. »Cassandra wird meine Anwesenheit hier wohl kaum stören. Sie ist tot.« Jean-François und trat näher an das Grab heran. »Denkst du, unter dieser Steinplatte ist nach all der Zeit noch etwas von ihr übrig?« Er schüttelte den Kopf. »Non, mon ami. Tu dir selbst einen Gefallen und lasse sie in Ruhe. Etwas, das du schon zu ihren Lebzeiten hättest tun sollen.« »Du hast sie von Anfang an nicht gemocht.« »Ich muss nicht jeden mögen. Hübsch war sie, doch das war schon ihr einziger Vorzug. Man konnte sie ertragen, solange sie ihren Mund nicht aufmachte.« »Du schätzt es nicht, wenn Frauen eine eigene Meinung haben?« Jean-François lachte leise. »Als hätte Cassandra eine eigene Meinung besessen. Ihr fehl- ten zudem geistige Gaben.« »Sie war nicht dumm. Es mangelte ihr allein an Bildung. Dafür konnte sie nichts.« »Sie besaß kein Rückgrat und dafür konnte sie durchaus etwas. Ich hätte sie zum Teu- fel gejagt.« »Zum Teufel, dort wo deine liebe Mutter ist?« Jean-François hob eine Augenbraue. »Gewiss betreibt meine Mutter jetzt ein Bordell in der Hölle, und wie ich sie kenne, ist sie damit überaus erfolgreich. Ein wenig Unterstüt- zung könnte dennoch nicht schaden.« »So eine Unverschämtheit. Cassandra hätte niemals …« »War doch nur Spaß.« »Bist du jetzt endlich damit fertig, an ihrem Grab schlecht über sie zu reden?« »Ich habe gerade erst begonnen.« Jean-François lächelte. »Non, im Ernst, mon ami. Lass Cassandra endlich hinter dir. Sie ist Vergangenheit und kommt nie wieder.« »Das geht dich nichts an.« »Gewiss nicht. Doch ich mache mir Sorgen um dich.« »Du machst dir Sorgen?« Alessio lachte. »Ich glaube es nicht.« »Glaube, was du willst, doch es ist wahr. Immerhin bin ich dein Vater.« »Wie rührend.« Alessio lachte freudlos. »Doch ich habe keinen Vater. Hatte niemals einen.« Bitterkeit lag in seiner Stimme. »Was willst du von mir?« fragte Alessio. »Vielleicht plagt mich mein Gewissen.« »Etwas, das du unmöglich besitzt. Komme zur Sache.« »Können wir beide nicht einfach das Leben genießen? Warum ist das so schwer für dich?« »Genießen? Bei all der Schuld, die ich trage?« »Du warst nie frei von Schuld.« Alessio schwieg. So Unrecht hatte Jean-François nicht. Alessio starrte auf das Grab vor sich. Cassandra hatte niemals von seiner Profession als Auftragsmörder erfahren. »Gewiss kannst du so weitermachen wie bisher«, sagte Jean-François, »doch führt das nur ins Verderben.« »Im Verderben bin ich bereits. Wie gesagt, es ist meine Angelegenheit. Ist morgen Nacht akzeptabel?« Es klang unfreundlicher, als Alessio es beabsichtigte. »Pardon?« fragte Jean-François. »Zur Einlösung der Schuld.« »Absolut. Ich komme zu dir.« Jean-François lächelte. »A bien tôt.« Er wandte sich um und ging davon. Alessio schritt näher an Cassandras Grab heran. Er beugte sich nieder, um die Rose draufzulegen, da sah er sie. Alessio erstarrte. Er erstarrte, wie es nur der wandelnde Tod vermochte. Sein totes Herz hörte auf zu schlagen und sein Atem erlosch. Eine Rose lag dort. Eine schwarze Rose. Wind und Regen hatten sie auf den Friedhofs- boden gedrückt. Ihr Stiel war geknickt, die Blütenblätter schwer von schimmernden Tropfen. Sie bot ein Bild morbider Schönheit, doch waren die Erinnerungen, die sie in Alessio erweckte, alles andere als schön. Massimo. Einzig Massimo hatte jemals schwarz gefärbte Rosen auf Cassandras Grab ge- legt. Massimo, der in verbotener Liebe zu seiner Cousine entbrannt war. Obwohl Cas- sandra diese Liebe nie erwiderte, war Massimo der Ansicht, Alessio habe sie ihm weg- genommen. Massimo verfolgte ihn mit einem Hass, der zu einem Feuer auswuchs, das heißer brannte als die Flammen der Hölle. Doch es war nicht mehr von Bedeutung. Nichts war mehr von Bedeutung. Alle waren lange tot. Alle, außer Alessio, der verdammt war zu ewigem Leben. Cassandra und ihr Cousin starben im selben Jahr. Cassandras Überreste lagen im Grab zu Alessios Füßen. Massimo hingegen fand sein Ende durch die Pest in einem Massengrab auf der Insel des Schmerzes. Der Wind trug nun ihre Seelen. Der verfluchte Wind, der die schwarze Rose zu ihm geweht hatte, um ihn mit Erinnerungen zu quälen. * * * In der Ferne verhallten die Glocken einer Kirche, da stieg Ilaria aus einem Fenster des Palazzo Riguccio. Vorsichtig ertastete sie die Sprossen, denn zwischen den Weinranken konnte sie ihre Strickleiter kaum erkennen. Im Schatten der Gasse angekommen, blickte Ilaria sich um. Niemand war zu sehen. Sogleich eilte sie weiter und bog um die nächste Häuserecke. Dort blieb sie stehen, um den Sitz ihres rauchgrauen Rocks und der Kniehose zu überprüfen. Beide Kleidungsstücke waren ihr etwas zu groß, denn sie stammten von ihrem Bruder. Vorsichtig fuhr sie sich über ihr Haar, einer Flut mühsam zu einem Zopf gebändigter schwarzer Locken. Sie hatte sie grau gepudert hatte, um weniger aufzufallen. Eine Maske verbarg die obere Hälfte ih- res Gesichts. Ilaria hob den Blick, als sie die Geräusche eines Stocks hörte. Ihr Bruder Enrico kam nä- her. Der Wind zog an seinem offenen Mantel. Darunter trug er eine graue Weste zu der Kniehose und dem Justeaucorps in jenem Taubenblau, das Ilaria so gut an ihm gefiel. Sein Haar hatte er sorgsam unter einer  gepuderten Perücke und einem Dreispitz ver- borgen. Enrico verzog den Mund zu einem süffisanten Lächeln. »Ah, da sind Sie ja endlich, Sior Maschera«, sagte er, sie beim Namen aller Maskierten nennend. Er deutete eine Ver- beugung an, die auf Ilaria geziert wirkte. »Buonasera«, sagte Ilaria. »Wie sehe ich aus?« Enrico musterte sie von oben bis unten. »Fast so gut wie ich.« Er grinste. »Dein seltsa- mes Muttermal hättest du überkleben sollen.« »Es ist nicht seltsam.« »Doch. Es sieht aus wie eine dreieckige Warze.« »Es gibt keine dreieckigen Warzen. Außerdem spricht aus dir nur der Neid, denn ich besitze, wofür andere Mouches verwenden.« »Sie benutzen Mouches, um derartige Makel zu verdecken.« »Es ist kein Makel, sondern ein Vorzug.« »Rede es dir nur ein.« Ilaria schnitt eine Grimasse. »Hättest du mir eben eine Maschera nobile beschafft, wie ich es vorgeschlagen habe.« Die Kombination aus weißer Wachsmaske, schwarzer Kapuze, einem dunklen Mantel und Dreispitz war Ilarias Ansicht nach die beste Verkleidung, wollte man nicht erkannt werden. »Erstens, Schwesterlein«, sagte Enrico, »darf die Maschera nobile nur von Män- nern getragen werden. Zweitens überschreitet diese Maske meine bescheidenen Finan- zen.« Er nahm seine Schnupftabakdose aus der Rocktasche. »Wie du mittlerweile wis- sen solltest, muss ich für alle Ausgaben Rechenschaft ablegen. Filomena erlaubt keine Maschera nobile, warum auch immer.« Er hob die Achseln. »Also gibt es keine.« Ilaria lachte. »Sicherlich weil sie denkt, der Schutz der Maschera nobile würde dich zu Schandtaten verleiten. Dabei sollte sie längst wissen, dass du dafür keine Maske be- nötigst.« »Haha, das musst gerade du sagen.« Er nahm mit den Fingerspitzen Schnupftabak und sog ihn genüsslich ein. »Nein«, sagte er, »der Grund ist Filomenas Geiz. Diese Verklei- dung erfüllt keinen Doppelnutzen. Man kann sie nicht mehr in der Kirche tragen, seit dem Verbot  des Großen Rates.« Ilaria lachte. »Weil du so häufig in die Kirche gehst.« »Nur weil du frömmelst, ist das kein Grund, meine Gewohnheiten infrage zu stellen.« »Ich frömmele nicht«, sagte Ilaria. »Doch um nochmals auf deine spärliche Maskerade zurückzukommen. Hast du dir niemals die Frage gestellt, dass Filomena dich darin ein- schränkt, damit sie dir leichter nachspionieren kann?« Enrico lachte und nieste zugleich. Schnell hob er ein Spitzentaschentuch vor sein Ge- sicht. »Nachspionieren? Warum sollte sie das tun?« Über den Rand des Tuchs blickte er Ilaria an. »Ah, du denkst, wegen dir. Du hast mich während des gesamten letzten Carnevale begleitet und niemand hat Verdacht geschöpft. Warum sollte Filomena gerade jetzt argwöhnisch werden?« Ilaria biss sich auf die Lippen. »Sie … sie hat mein Tagebuch gelesen.« Enrico verstaute seine Schnupftabakdose und starrte sie entgeistert an. »Du hast doch nicht etwa von unseren Ausflügen hineingeschrieben?« Sie wich einen Schritt zurück, da seine plötzliche Heftigkeit sie überraschte. »Nein, denkst du ich bin wahnsinnig? Es war so schon schlimm genug, zu hören, wie sie sich in ihrem Büro vor anderen über michlustig gemacht hat. Als wären meine Gedanken und Träume nur die Dummheiten eines Kindes.« Er lächelte. »Soso, du hast also an der Wand gelauscht?« »An der Tür hört man besser.« Sie senkte den Kopf. »Ich habe mein Tagebuch darauf- hin sofort vernichtet.« »Und deine Gedichte?« fragte er. »Alle zerstört. Es gibt nichts mehr.« Enrico sah sie schweigend an. Sie war ihm dankbar, dass er das Thema ruhen ließ. Es tat zu weh. »Gehen wir jetzt weiter oder willst du hier festwachsen?« Enricos Stimme bebte vor Un- geduld. Er wartete nicht auf Ilaria, sondern lief sofort los. Sie eilte ihm nach. »Da kommst du ja endlich«, sagte er. »Ich dachte schon, du wolltest die Nacht vertrö- deln.« Er lächelte sie an. »Habe ich nicht vor.« Ilaria zwang sich, das Lächeln zu erwidern, was ihr jedoch nicht so recht gelang. Wie gern besäße sie Enricos Zuversicht. Doch dieser hatte leicht reden. Im Gegensatz zu ihr stand für ihn weder sein Status noch seine Zukunft auf dem Spiel. Der Preis, erkannt zu werden, war für Ilaria hoch, womöglich zu hoch, doch wer wus- ste, wie lange sie dieses bisschen Freiheit noch besitzen würde. Enrico deutete auf den von Fackeln erleuchteten Eingang eines Palazzo. »Dies ist das Ca’ Mandarno.« Ilaria vernahm gedämpfte Musik und Stimmengemurmel aus selbigem. Wie so oft emp- fand sie Befangenheit bei dem Gedanken, dort hineinzugehen zu all den fremden Men- schen. Offenbar missdeutete Enrico ihr Zögern, denn er sagte: »Die Contessa Mandarno ist be- kannt für ihre Salons, in denen sie Dichter, Maler und Philosophen um sich schart.« Sie nickte leicht. »Eine Dame von Welt.« »Gewiss. Zudem ist sie hübsch und äußerst freigiebig in ihrer Gunst.« Er lächelte. »Besonders mir gegenüber.« »Soso. Ich dachte, die Dame wäre verheiratet.« »Ist sie auch.« »Und das hindert dich nicht an einer Affäre mit ihr?« Er hob die Achseln. »Das machen doch alle.« »Das ist kein Grund …« Er unterbrach sie mit einer Handbewegung. »Ilaria, das ist eine Zwangsehe. Sie ist mit  einem Mann gestraft, der den ganzen Tag nur jammert, dem man nichts, aber auch gar nichts recht machen kann. Jeder in seiner Umgebung ist schuld an diesem und schuld an jenem. Und wie er zudem aussieht. Hast du ihn jemals gesehen?« »Ich denke nicht.« »Verschrumpelt und vertrocknet. Er sieht nicht nur aus wie eine Leiche, er ist eine, nur dass man vergaß, ihn einzugraben.« »Enrico! Spreche nicht so respektlos über die Älteren.« »Vor was sollte ich Respekt haben? Der Weisheit des Alters?« Er lachte. »Die ist dünn gesät. Beim Conte wirst du sie vergeblich suchen.« »Die arme Contessa. Ich stelle mir eine Ehe anders vor.« »Das kann ich mir vorstellen. Weltfremd, wie du bist.« Er lief auf den Palazzo zu. »Doch lass uns jetzt hineingehen. Wir wollen die Contessa nicht warten lassen.« Sie liefen an den Dienern am Eingang vorbei und erklommen die Stufen zum Oberge- schoss. Im Saal fielen Ilaria als erstes die vielen Deckenlüstern aus milchigem Murano- glas auf. Die Kerzenflammen wurden vom Terrazzoboden reflektiert, als sei er ein Spie- gel. Dieser Portego war weitaus geräumiger als der, den Ilaria vom Palazzo Riguccio kannte. Durch die Butzenscheiben der Loggia am Ende des Saals erahnte Ilaria die Lich- ter und Arkaden der Gebäude auf der anderen Seite des Canal Grande. Zahlreiche Menschen befanden sich im Portego. Einige standen in Grüppchen beiein- ander, andere flanierten durch die ineinander übergehenden Räume des Barockpalastes. Ilaria fühlte sich ein wenig schäbig in den abgetragenen Sachen ihres Bruders, als sie ihren Blick über die Pracht der Gewänder streifen ließ. Die Frauen trugen Kleider in al- len Farben und mit Pailletten und Federn geschmückten Masken. Selbst eine Nixe erblickte Ilaria unter ihnen. Halb nackte Faune und Nymphen, die Lei- ber umwunden von Efeu, die Häupter gekränzt von Wein, scharten sich um die alten Götter. Inmitten von ihnen stand Neptun mit dem Dreizack, als wäre er soeben seinem Kristallpalast in den Tiefen des Meeres entstiegen. Neben den sieben Todsünden ver- weilten gefallene Engel. Doch es waren die Gemälde an den Wänden des Portegos, die Ilarias Interesse weckten. Bilder waren für sie Zeitreisen, eingefrorene Augenblicke, konserviert für die Ewigkeit. Die Porträts der männlichen Ahnen des Contes erschienen ihr langweilig gegen die All- tagsszenen aus dem Leben der Stadt. Auf dem ersten Bild war ein Marktplatz abgebil- det. In seinem Mitttelpunkt stand eine Frau, die Oliven, Zitronen, Feigen und Mandeln feilbot. Auf dem nächten Gemälde sah Ilaria einen Mann mit der Maschera nobile. Ilaria erkannte den Ort wieder, doch einige der Gebäude waren jetzt anders als zur Zeit des Malers. Ilaria ging näher an das Bild heran, um es zu betrachten, da erblickte sie unter einem Arkadengang den Mann mit der Pestmaske. Er sah genauso aus, wie sie ihn das letzte Mal erblickt hatte. Nur er trug dieseMaske ohne Augengläser und mit einer Kapuze an- statt eines Hutes, wie es für den Medico della Peste üblich war. Offenbar hatte diese Mas- ke eine längere Tradition als Ilaria dachte. Sie betrachtete die Gondeln, die über den Kanal im Bildhintergrund trieben. Sie waren geschmückt und bunt bemalt. War dies nicht seit etwa zweihundert Jahren verboten? Ilaria fuhr herum, als die Stimme einer Frau sie aus ihren Gedanken riss. »Willkommen in unserem Palazzo. Die Gemälde sind gelungen, nicht wahr?« Dies war also die Con- tessa. In der Tat eine sehr hübsche Frau, soweit Ilaria es trotz der Maske erkennen konn- te. Ilaria nickte. »Faszinierend.« Die Contessa lächelte und strich die Falten ihres Rockes glatt, dessen Farbe der von Enricos Justeaucorps ähnelte. Wo war Enrico? »Sie sammeln Gemälde?« fragte Ilaria und hoffte, dass ihre Stimme nicht zu hoch klang, doch die Contessa schien nichts zu merken. »Die meisten davon stammen aus der Familie meines Gatten.« Die Contessa deutete auf jene, die Ilaria zuvor angesehen hatte. »Auf diese hier ist er besonders stolz.« Sie lächelte Ilaria an. »Sie können sich gerne noch eine Weile hier umsehen, doch ich muss jetzt leider ge- hen. Wenn Sie mich bitte entschuldigen, Sior Maschera. Ich muss die anderen Gäste be- grüßen. Ich hoffe, Sie fühlen sich hier wohl.« »Gewiss doch, Eccelenza.« Ilaria lächelte verkrampft. Hatte die elegante Contessa di Man- darno tatsächlich ein Verhältnis mit Enrico oder gab dieser nur an? Ilaria hoffte, dass der Contessa ihre Ähnlichkeit zu ihrem Zwillingsbruder entging. Sie konnte keine Spur on Argwohn in deren Gesicht erkennen. Ihr Lächeln erschien offen und ungekünstelt. »In der Bibliothek findet übrigens eine Dichterlesung statt«, sagte die Contessa. »Ich empfehle Ihnen, ihm Gehör zu schenken.« Sie nickte ihr noch einmal zu und trat auf die Neuankömmlinge zu. Das Gespräch mit der Contessa war angenehm gewesen, den- noch atmete Ilaria erleichtert aus. Sie flanierte durch den Saal und wollte gerade die Bibliothek betreten, da erregte die Stimme einer Frau ihre Aufmerksamkeit. Ilaria wandte sich zu ihr um. Das Äußere der Frau passte zu deren aufdringlicher Stimme. Sie mochte um die vierzig sein. Sie trug eine Tunika, die sich um ihre Hüften spannte und Ilaria unpassend zu deren gebleich- tem Haar erschien. »Mit so etwas scherzt man nicht«, sagte die Frau zu dem Mann, der neben ihr stand. Dieser lächelte, was grotesk wirkte, denn Blut lief aus seinem Mund. Ilaria sah genauer  hin und ertappte sich dabei, zu starren. Es war kein Blut, sondern Cochenillerot. Rauchfarbenes Puder verlieh seinen Augen Tiefe. Sein Gewand war von der Art eines Leichenhemdes. Fangzähne blitzten auf, als er leicht lispelnd sprach: »Es ist kein Scherz, Siora. Ich bin tatsächlich ein Vampyr, ein Untoter, der sich vom Blut Lebender ernährt.« Die Römerin erschauderte sichtlich, hob schließlich in indignierter Weise ihre Stabmas- ke vor ihr Gesicht und sagte: »Wie widerlich, oh, wie entsetzlich.« Ein Mann im Kostüm eines Fauns meldete sich zu Wort. »Ein Handelsreisender erzähl- te davon, dass in Südosteuropa ganze Dörfer vom wandelnden Tod entvölkert wurden. Man schrieb es zunächst den Seuchen zu, bis man Würgemale an den Hälsen einiger Personen fand. Immer mehr Menschen wurden zu Vampyren. Über ihr Blut gaben sie den Keim des Bösen weiter. Sie schliefen in den Särgen, in denen man sie bestattet hatte. Einzig Kreuze und Weihwasser sowie Knoblauch vermochten sie aufzuhalten.« Die Römerin sah ihn mit einer Mischung aus Widerwillen und Ekel an. »Bei allem Res- pekt, Sior, aber das ist gefährlicher Aberglaube.« Der Faun hob die Achseln. »Vielleicht, vielleicht auch nicht. Wer weiß das schon?« Ilaria wandte ihren Blick wieder dem Vampyr zu, doch sah ihn nur noch in der Men schenmenge verschwinden. Offenbar fürchteten sich selbst die Untoten vor beleibten Römerinnen und nutzten jede Gelegenheit, diesen zu entkommen. »Wenn Sie mich bitte entschuldigen«, sagte der Faun. »Ich habe eine Verabredung.« Auch er ging davon, ohne das Thema weiter aufzugreifen. Ilaria hielt nach dem Vampyr Ausschau, doch fand ihn nicht mehr. Zwar glaubte sie nicht an die Existenz von wandelnden Leichen, die Blut tranken, doch ihr Wissensdurst war entfacht. Gerne hätte sie mehr darüber erfahren. Da Ilaria keinen besseren Einfall hatte, betrat sie die Bibliothek, wie die Contessa es ihr empfohlen hatte. Der Dichter stand auf einem Podium und erzählte eine seiner Ge- schichten. Keineswegs las er sie einfach vom Papier ab, sondern vermochte es, dem Ge- schriebenen durch freie Rede und Betonung weitere Nuancen angedeihen zu lassen. Ilaria gesellte sich zu der Gruppe, die sich vor ihm gebildet hatte. Ein Diener bot ihr ein Glas Weißwein an, das sie dankend nahm. Sie nippte daran. Perlende Süße zog über ihre Zunge. Für einen Moment schloss sie die Augen, nur den Geschmack des Weines und die Stim- me des Dichters wahrnehmend. Als sie ihre Augen wieder öffnete, hätte sie sich bei- nahe verschluckt. Unweit von ihr befand sich ihre Tante Lucia, die einzige Schwester ihres Vaters, die sich nicht in einem Kloster befand. Ilaria betrachtete sie verstohlen aus den Augenwinkeln. Ihr Herz schlug dabei schneller. Lucia trug eine silberne Stabmaske, welche die obere Hälfte ihres Gesichtes verbarg. Hätte Ilaria sie nicht an der Art, wie sie sich bewegte erkannt, so daran, wie sie sich kleidete. Ihr Kleid war ein Albtraum in Silbergrau und Rosa, besetzt mit überdimen- sionalen Seidenrosen, die sich einen Wettstreit mit üppig angebrachten Schleifchen und Volants gaben. Ihre gepuderte Hochsteckfigur erschien beinahe schlicht, hätte sie nicht auch hier im Übermaß Seidenrosen angebracht. Neben Lucia lief ihr zwanzig Jahre jüngerer Cicisbeo Lorenzo, der bereits zu Lebzeiten deren Mannes ihr Begleiter gewesen war. Lorenzo war deutlich größer als Lucia, fiel neben ihr jedoch kaum auf, trug er doch ein schlichtes Ensemble aus grauem Seiden- samt. Er beugte sich über Lucia, um ihr etwas ins Ohr zu flüstern. Sie senkte ihre Stab- maske, als sie hell auflachte. Lucia hob die Maske wieder vor ihr Gesicht und sah sich im Raum um. Als ihr Blick über Ilaria glitt und dort einen Moment lang hängen blieb, glaubte diese, sterben zu müssen. Lucia hatte sie erkannt. Es war aus. Lucias Blick wanderte weiter. Ilaria zog sich so schnell wie möglich, doch langsam genug, dass es nicht auffiel, aus dem Raum zurück. Im Portego erblickte sie ihn. Er stand am anderen Ende des Saales, nahe der Loggia. Er trug die Maske des Medico della Peste, die eine traurige Realität in nicht allzu ferner Ver- gangenheit widerspiegelte. Im Gegensatz zum Pestarzt trug er keinen Hut, sondern hatte die Kapuze seines Umhangs über sein Haar gezogen. Wieder überkam Ilaria das Gefühl, ihn weitaus länger zu kennen, als es tatsächlich der Fall war. Die Anziehungskraft, die er auf sie ausübte, war unerklärlich für sie. Ilaria wollte ihn ansprechen, doch verspürte sie Befangenheit. Was sollte sie zu ihm sagen? Was war, wenn sie sich blamierte? Seit dem letzten Carnevale hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Es waren nur Monate vergangen, doch erschien es ihr wie eine Ewigkeit. Sie hatte häufig an ihn gedacht während dieser Zeit. Unvergessen waren seine Anekdoten, seine geistreiche Sprache und Bonmots. Sie überwand ihre Scheu und wollte sich gerade zu ihm begeben, da vereitelte ein Schrei ihren Plan. Gellend hallte er durch den ganzen Saal und schwoll an, schrill und immer schriller. Er ging über in einSchluchzen, das erstarb. Ilaria wandte sich um in die Richtung, aus der er gekommen war und erblickte die Contessa Mandarno bewusstlos in den Armen eines älteren Herrn liegen. Eine Frau stand neben ihr und fächelte ihr Luft zu mit einem Straußenfedernfächer. Auf den Stu- fen der Treppe zum zweiten Obergeschoss stand ein junger Mann. Sein Haar war wirr und das Gesicht blass. »Der Conte«, sprach er mit erstickter Stimme, »er ist tot.« Venedig um 1750 Seine Profession ist der Tod. Deshalb darf die Patriziertochter Ilaria, die ihn auf dem Carnevale das erste mal sieht,  nicht wissen, wer und was er ist: Alessio, der Vampir mit der Pestmaske. Weder kennt sie sein Gesicht noch seinen Namen. Dennoch ist er der Ein- zige, dem sie vertrauen kann, als sie aus ih- rem Elternhaus flieht. Ilaria ahnt nicht, dass ihn ein dunkles Ge- heimnis mit ihrer Familie verbindet. Gejagt von der eigenen Vergangenheit muss Ale- ssio sich seinen größten Ängsten stellen. Als sich die Schatten zu einer Macht mani- festieren, die ihn und alles, was er liebt, ver- nichten will, gerät auch Ilaria, die sein un- totes Herz erneut schlagen lässt, in aller- größte Lebensgefahr.                               Rezension bei Webcritics Rezension auf Roter Dorn
Rezension und Interview bei Lady’s Lit Rezension auf Bibliofeles Rezension beim Mediencircus - dem Blog rund um Literatur und Bücher