© fallen star Verlag 2010-2011
ezension
Leseprobe
Paris am 28. Juni des Jahres 1560
Obwohl Jean-François seine Mutter nicht liebte, wünschte er ihr einen baldigen Tod.
Um diesem beizuwohnen, wie es ihr Wunsch war, stand er inmitten der
Menschenmenge auf dem Place de Grève.
Gedämpft drangen die Rufe des Volkes an sein Ohr. „Mörderin!“ „Giftmischerin!“
„Hure!“
Über die züngelnden Flammen hinweg starrte er zu seiner Mutter. Todgeweiht stand
Suzette in der Feuersbrunst des Scheiterhaufens. Schmerzverzerrt war ihr Gesicht.
Schweiß rann über ihre Stirn. Ihr Haupt hielt sie, trotz der Beschimpfungen und der
Schmerzen erhoben. Ihr langes rotblondes Haar wehte wie eine Flamme im Wind.
„Ich verfluche dich, Volk von Paris …“ Suzettes schmerzbebende Stimme schwoll an
zu einem Schrei, als ihre Haut unter der Hitze aufplatzte. Ihr schmuckloses
Hurengewand war längst dahin. Ihr letzter Schrei verhallte, wich einer gespenstischen
Stille, einzig unterlegt vom Knistern des Feuers und dem Raunen der Menge.
Ein letztes Mal sah Jean-François in die Augen seiner Mutter, doch erkannte er sie
nicht mehr darin. Nur Leere starrte ihm entgegen. Ihr Kopf sank vornüber. Die
Flammen ergriffen ihr Haar. Schwarz ließen sie es zurück. Die Ruine ihres Leibes gab
ihre Seele frei in einem Feuerschwall, als fuhre sie damit geradewegs zur Hölle.
Die Luft war schwer vom Geruch verbrannten Fleisches, ihres Fleisches, dem er einst
entsprungen war. Blut von seinem Blut, das jetzt verdampfte. Suzettes Knochen
platzten mit einem lauten Knacken.
Ein Windstoß stob ihre Asche über den Platz. Etwas davon streifte Jean-François
Gesicht wie eine letzte Berührung aus dem Jenseits. Ihr Sterben hatte nur wenige
Minuten gedauert, doch erschienen diese Jean-François wie eine Ewigkeit – eine
Vergangenheit, die ewige Gegenwart sein würde in seinen Albträumen. Er hielt ein
Taschentuch vor seine Nase, nicht nur, um den Geruch verbrannten Fleisches daraus
zu verbannen, sondern auch, um heimlich eine Träne damit abzuwischen.
Er wandte sich um, als er ein Würgen hinter sich vernahm. Er sah nur den dunklen
Schopf Juliettes, der fillette de joie, die seit drei Jahren im Bordell seiner Mutter
arbeitete. Sie beugte sich über den Rinnstein, um ihre letzte Mahlzeit von sich zu
geben. Kontraktionen schüttelten ihren Leib. Jean-François umfing sie von hinten,
damit sie nicht vornüberkippte. Ihr Körper fühlte sich schmal in seinen Armen an, so
zerbrechlich. Sie würgte, bis Galle kam, während er gegen seine eigene Übelkeit
ankämpfte. Er vergrub sein Gesicht in ihr Haar, das schimmerte wie Rabengefieder
und nach würzigen Blumen duftete.
Endlich war es vorüber. Er ließ von ihr ab und reichte ihr seinen Arm, auf den sie ihre
Hand legte.
„Lass uns gehen“, sagte und zog sie mit sich.
Juliette sah ihn traurig von der Seite an. „Wie hast du es nur ausgehalten?“
Jean-François hob die Schultern. „Was sie dort verbrannten, besaß schon lange keine
Seele mehr." Seine Stimme klang so leer, wie er sich fühlte.
Jeanette schwieg, was ihm recht war. Er wollte nicht mehr über Suzette reden. Weder
über ihren Tod noch über sein Leben, dass er nur dem Versagen eines ihrer
Abtreibungstränke verdankte, so wie Suzette ihren Tod. Ein Mädchen war daran
gestorben. Das Blut, das die ungewollte Frucht hatte ausstoßen sollen, hörte nicht
mehr auf zu fließen und nahm das Leben des Mädchens mit sich.
Schweigend lief Jean-François neben Juliette die verwinkelten Straßen entlang. Am
östlichen Himmel erblickte er die Bastille, die Verteidigungszwecken dienende
Stadttorburg. Acht Zinnentürme besaß sie. Jeder davon trug einen Namen. Einer hieß
Freiheit. War sie nur ein Wort, so wie der Mensch nur Asche war? Der Turm geriet aus
seinem Blickfeld, doch nicht aus seinen Gedanken.
Sie bogen ab in die Rue Froit-Mantel, wo sich Suzettes Bordell befand. Davor war ein
Garten, in dem Suzette an Sommernachmittagen gelegentlich auf ihrer Bank gesessen
hatte. Die Bank stand noch. Niemand benutzte sie mehr. All die Rosen, der Lavendel
und die Hyazinthen blühten noch, doch von den Händen die sie einst pflanzten, war
nur ein Häufchen Asche übrig, weniger als die Erde unter ihren Wurzeln.
Menschen hatten sich vor dem Bordell zusammengerottet. Es war nicht das erste Mal,
doch sie sahen stets gleich aus. Zehn Personen waren es - ein grauer Haufen ohne
Gesicht. Erst beim zweiten Hinsehen erkannte er einen von ihnen als seinen und
Marguerites Freier. Gelegentlich hatte er sie sogar gleichzeitig gebucht.
Ein Weib aus der Menge hob ihren dürren Arm und deutete auf Jean-François. „Da
kommt der sittenlose Sohn der Mörderin.“ Ihr Gekeif schmerzte in seinen Ohren.
„Hexensohn! Teufelsbrut!“ schrie ein Mann, offenbar ihr Anführer, aus der Menge.
Jean-François lief an ihnen vorbei.
„Die Katholiken werden immer extremer“, sagte Juliette leise.
Jean-François hob gleichgültig die Achseln. „Er hat recht. Auch ich hätte es Suzette
zugetraut, es mit dem Leibhaftigen zu treiben. Vielleicht ist er ja tatsächlich mein
Vater.“
„Du solltest das nicht zu leicht nehmen.“ Juliette trat vor ihm durch die Eingangstür
des Bordells. Der Duft ihres Haares wehte an ihm vorüber wie die Erinnerung an den
Frühling.
„Hexensohn! Teufelsbrut!“ wiederholte der Mann aus der Menge.
Jean-François schloss die Bordelltür hinter sich. „Keine Sorge, Juliette. Sie werden sich
wieder beruhigen. In spätestens zwei Wochen nennen sie mich nur noch Sodomist und
Hurensohn.“
Paris 1560
Nach dem Scheiterhaufentod von
Jean-François’ Mutter ist der Fortbestand
des Bordells, in dem er geboren wurde,
ungewiss. Trotz aller Schwierigkeiten und
Anfeindungen hält er das Geschäft am
laufen; doch als er nachts auf dem
Friedhof von einem Vampir überfallen
und umgewandelt wird, eskaliert die
Situation.
Noch dazu werden bald alle Bordelle
Frankreichs durch die Krone geschlossen.
Jean-François’ Suche nach Liebe und Er-
folg droht zu scheitern. Er wird von einem
Unbekannten bedroht, der ihn durch halb
Europa verfolgt. Auch seine Schwester
und Nichte in Dôle schweben in Gefahr.
Jean-François wird in einen Krieg zwi-
schen Menschen und Werwölfen hinein-
gezogen. Dabei trifft er auch die Frau wie-
der, der einst sein Herz gehörte. Verges-
sen geglaubte Gefühle erwachen erneut.
Doch zuvor muss Jean-François zusam-
men mit dem Anatomen Donatien seinem
schlimmsten Albtraum gegenübertreten ...
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